bildungsbilanz

„Lernen ist Erfahrung.
Alles andere einfach nur Information.“
Albert Einstein

Die Ideenskizze Bildungsbilanz und das Projekt „Starwalker“

„Starwalker“ in 5 Sätzen

Mehr und mehr wird v.a. von Unternehmen bemängelt, es mangele Jugendlichen nicht nur an Schlüsselqualifikationen, sondern vor allem an grundlegenden sozialen Kompetenzen: Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, wertschätzender und respektvoller Umgang mit sich und anderen, Belastbarkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und selbstbewusst, sicher und der Situation angemessen aufzutreten. Es wird ein Mangel von Auszubildenden beklagt und zugleich geraten viele Jugendlichen von der Schulbank in den Teufelskreis der (wie nennt man das, die Park-Projekte, mit denen Jugendliche aus der Arbeitslosen-Statistik rausgerechnet werden, aber dennoch keine Chance auf Ausbildung erhalten). (die Jugendarbeitslosenquote 2016 liegt in D bei 5% mit min. 2,3% in Bayern und max. von 9,9% in Meck-Pom (Quelle: statista.com)

Deshalb widmet sich „Starwalker“ der Begleitung von Schülerinnen und Schüler in dem Übergang von Schule zu Beruf und dem Übergang vom Jugendlichen zum jungen Erwachsenen als „Übergangsbegleitung“ über einen Zeitraum von 3 Jahren (7. – 9. Klasse). Im Vordergrund steht hierbei die Vermittlung von „Sozialen Kompetenzen“: wichtige Kompetenzen für das (Berufs)Leben – wie z.B. Wahrnehmung, Kommunikation, Verbindlichkeit, Klarheit, Teamfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Lernbereitschaft, Zielorientierung, Belastbarkeit und Persönlichkeitsentwicklung – werden gefördert. Da der Inhalt die Form vorgibt findet der Unterricht in einer mitunter ungewohnt offenen und eigenverantwortlichen Form eher einem Workshop gleich statt. Die Schüler gestalten mit zunehmender Übung in Eigenverantwortlichkeit den Unterricht selber. Der Lehrer nimmt die Rolle eines Rahmen und Leitfaden gebenden Tutors ein.

Education is not tee learning of Facts but
the training of the Mind to Think.“
(Albert Einstein)

Vorbemerkung

Die Idee zu einer „Bildungsbilanz“ wurde inspiriert durch die Erfahrung, wie Wirtschaft, öffentlichen Gremien und Institutionen mit dem Thema „Bienensterben“ umgingen: Diesem Thema wurde lange Zeit keine Bedeutung beigemessen, ergo das Bienensterben nicht beachtet. Nachdem jedoch ein Kontext zwischen Bienensterben und Bruttosozialprodukt – sowohl in lokal als auch weltweit – dargestellt und somit ein relevanter wirtschaftlicher Wert beziffert wurde, änderte sich die Wahrnehmung schlagartig. Plötzlich gab es eine (finanzkräftige) Lobby und dadurch auch umgehende Handlungsinitiativen.

„Ganzheitliches Lernen“ ist ein vieldiskutiertes Thema im Bildungsbereich. In jüngster Vergangenheit entwickelten sich in verschiedenen Bundesländern an einzelnen Schulen Pilotprojekte dazu. Dennoch bleiben diese Projekte geradezu isoliert. Es gibt keinen entsprechenden in den regulären Unterricht eingebundene Ausbildung und auch als Wahlfach oder Arbeitsgemeinschaft am Nachmittag gibt es kaum relevante Angebote.

Eine Bildungsbilanz kann uns allen vielleicht den nicht zu beziffernden Wert eines Menschen verdeutlichen und was es bedeutet, einen Schüler nicht umfassend und ganzheitlich auf seinen Platz als ein bereicherndes Mitglied einer friedlichen Gesellschaft vorzubereiten. Vielleicht können auch in reguläre Schulen lebensnah Prinzipien der Verantwortlichkeit und Lernlust gelebt werden, wie sie in der Bildungsforschung als Lernemotion grundlegend bekannt, wenn auch zu wenig beachtet werden

Ob eine „Bildungsbilanz“ zum Resultat hat, dass zusätzliche Budgets zur Verfügung gestellt werden, grundlegend erforschtes Wissen über Lernmotivation und Lernemotion in einer grundlegenden Bildungsreform eingearbeitet wird oder andere „Steine in Rollen kommen“ sei offen gelassen…

…es ist zumindest ein Ansatz, eine breite Öffentlichkeit und die relevanten Stellen im Bildungssystem zu gewinnen, nicht nur Umzudenken und in der Theorie über die Relevanz von „soft skills“ als Unterrichtsfach zu referieren, sondern zeitnah und aktiv zu handeln und entsprechende Unterrichtsfächer zu realisieren.

Faktoren

Im Folgenden werden einige Faktoren der (was?) vorgestellt. Hierbei sind bewusst solche aufgegriffen, die sich zwar in irgendeiner Art und Weise im Lehrplan finden, jedoch im Rahmen des konventionellen Unterrichts kaum – sei es aus Mangel an Zeit oder geeignet geschulten Lehrkräften bzw. fehlenden finanziellen Mitteln für externe Honorarkräfte – thematisiert und intensiv behandelt werden.

  • „Genderkompetenz“ / Geschlecht
    Welche Rolle spielt das Geschlecht bei der Schulbildung und bei der Berufswahl?
    Was sind die Effekte der Projekte wie „Boys’ Day“ / „Girls’ Day“?
    Was vermitteln Projekte der Jungen- und Mädchenarbeit in Themen wie Identität, Sexualität, Lebensplanung und Berufsorientierung?
    Wie wird die Bildung von Geschlechterrollen gefördert und wie frei sind diese? Nach welchen Vorbildern?
    Wie wird die Auseinandersetzung mit der eigene Zukunft gefördert?
  • „Interkulturelle Kompetenz“ / Herkunft
    Wie geht die Gesellschaft mit den Ressourcen von Kinder mit Migrationshintergrund um? Wie erkennen diese ihre eigenen Ressourcen, erkennen ihre Wurzeln an, verstehen die eigene Individualität als Teil und sich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu begreifen? Wie kann das Selbstverständnis aller Mitglieder der Gesellschaft als gleichwertiger wichtiger Teil vermittelt werden, so dass es das Konstrukt der abgrenzenden und ausgrenzenden fremden „Ausländer“ und bekannten „Inländer“ aufgelöst wird? )
  • „Persönliche Entwicklung“ / Fähigkeiten & Talente erkennen
    (neben der konventionellen Wissensvermittlung wird mehr und mehr die Bedeutung der Vermittlung „Sozialer Kompetenzen“ im Umgang mit sich, anderen und im Team und die Entfaltung „Kreativer Talente“ durch (externe) Kunst- und Kulturschaffende erkannt – Kontext)
  • Learning to think
    not teaching to know:
    Vernetztes Denken und verantwortliches Handeln
    (gerade in der Wirtschaft, speziell bei Führungskräften, wird vernetztes Denken mehr und mehr als eine Schlüsselqualifikation betrachtet. Wieso nicht in der Schule damit beginnen statt später teure Fortbildungskurse belegen zu müssen?! Gerade unter am Aspekt, dass durch die fehlende Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen oder Informationen zu vernetzen und nicht in der Lage zu sein, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen, wesentlicher wirtschaftlicher (und politischer) Schaden entsteht.
  • Ganzheitliches Lernen – in vielen Bundesländern ein Bildungsgrundsatz, aber wie sieht es in der Realität aus? Das Zitat „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ verdanken wir J. H. Pestalozzi, aber heute steht diese 200 Jahre alte Theorie mehr denn je im Zentrum der ganzheitlichen Bildung, denn nicht nur die Erkenntnisse aus der Hirn- und Lernforschung, sondern v.a. die zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten (Bewegungs-, Wahrnehmungs- und Konzentrationsstörungen) bei Schülerinnen und Schülern erfordern, dass der Unterricht das Kind auf allen Ebenen in seiner Ganzheit respektiert und anspricht: unsere Kinder brauchen mehr denn je die Herausforderung im eigenen Denken, Fühlen, Erleben und Handeln!

Stellenwert(e) und Denkanstöße

Ein nächster Schritt wäre nun die „Bilanzierung“ dieser (und anderer) Faktoren. Beispielsweise hinsichtlich „Sozialer Kompetenzen“: wie lässt es sich bewerten, wenn ein Kind über ein gewisses Maß an sozialen Kompetenzen verfügt? Welchen Vorteil bedeutet dies für die Aus- und Fortbildung, für die Berufswahl und die Karriere (durchaus auch aus Sicht der Unternehmen)? Welche Akteure sind erforderlich, neben der Schule bzw. im Rahmen der Schule, zur optimalen Vermittlung „Sozialer Kompetenzen“?

Oder zum Thema „Genderkompetenz“: warum ist es in der heutigen Zeit und Gesellschaft wichtig, das Thema „Gender“ in Form von entsprechender Mädchen- und Jungenarbeit zu positionieren? Wie handhabt man Aspekte wie

  • „Welche Rollenbilder werden in der medialen Umwelt vermittelt (Musikclips, Videos und Filme im Internet und in andere Medien)“,
  • „Welche Rolle spielt es, dass viele Jungs in der Regel frühestens in der 5. oder 6. Klasse mit einem männlichen Vorbild als Erzieher oder Lehrer konfrontiert werden, gerade bei Familien mit alleinerziehenden Müttern?“,
  • Wo und wie kann hier die Vernetzung zwischen Schulen, Wirtschaft und außerschulischen Institutionen hilfreich sein, speziell welche Akteure, (sozialen) Einrichtungen und Kurse gibt es hierfür?

Diese Denkansätze lassen sich auch auf alle anderen Faktoren übertragen. Weitere Aspekte bzw. Fragen können sein:

  • Wie werden die einzelnen Faktoren „bewertet“ bzw. deren Relevanz für den „Lernerfolg“? Kann ein „Bewertungsschlüssel“ erarbeitet werden?
  • Welche Faktoren werden den einzelnen Akteuren in welcher Form der Zusammenarbeit zugeordnet? Auch hier eine Art „Bewertungsschlüssel“?
  • Welche Rolle spielt dabei die Vernetzung „Schule<>Schule“, „Schule<>Außerschulische Institution“, „Schule<>Wirtschaft“, „Wirtschaft<>Außerschulische Institution“? An welcher Stelle gibt es, weshalb und welche Vernetzungshürden?
  • Gibt es bestimmte Positionen, Gremien oder Arbeitskreise, die für eine erfolgreiche Vernetzung relevant sind oder sein könnten, wenn es sie gäbe?

Ausblick

Durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen und Denkanstößen könnte sich ein hilfreiches Puzzlestück für die Ausarbeitung eines Orientierungsrahmens ergeben, ähnlich dem Mittelfränkischen Referenzrahmen „Guter Unterricht“, der im Dezember 2013 veröffentlicht wurde.

Zum Abschluss ein Zitat, v. a. adressiert an die Empfänger dieser Ideenskizze und an alle anderen, die es mittel- und unmittelbar betrifft:

„Wir müssen das, was wir denken auch sagen. Wir müssen das, was wir sagen auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, dann auch sein!“

Alfred Herrhausen

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