Royston Maldoom

Kongress McKinsey bildet. Frükindliche Bildung, Oktober 2006, Berlin
Beitrag von Royston Maldoom: „Bildung durch Bewegung“
Ich freue mich immer über Applaus zur Begründung, weil nie sicher ist, ob auch am Ende noch geklatscht wird.
Wenn ich Filmausschnitte wie die aus „Rhythm is it!“ sehe, blicke ich zurück und kann eigentlich, wie häufig, nicht erklären, wie dieses Projekt gelang. Ich will damit sagen: Es war eine ganz außergewöhnliche Zeit, die so schnell verging und während der man sich so voll und ganz der Aufgabe verschrieben hatte, dass man rückblickend nur denken kann: “Wie haben wir das nur geschafft?” Der Grund ist, glaube ich, warum ich Projekte dieser Art überhaupt zu einem Ergebnis führen kann – und alle, die diesen Film kennen, wissen, dass das Projekt zeitweise sehr schwierig war –, dass ich versuche zu funktionieren, ich
funktioniere einfach, und zwar als Künstler, der mit jungen Leuten arbeitet, nicht als Lehrer. Das Lehren, die Pädagogik ist in der Choreografie und in meiner Arbeit enthalten, und wenn in irgendeiner Form gelehrt wird, dann nur als Hilfestellung im Prozess der Entstehung des Stücks.
Daher ist für mich immer klar, wenn junge Leute sich mit mir in einem Raum versammeln, sei es in einem Gefängnis, einer Grundschule, einer weiterführenden Schule, seien es Straßenkinder in Äthiopien, Kinder in einem traumatisierten Bosnien, egal, wo – sobald sie den Raum betreten, haben sie das Potenzial zum Künstler, und sie werden gemeinsam mit mir großartiges Theater schaffen. Dieser Gedanke trägt mich auch durch schwierige Zeiten, denn als Künstler kann ich mich leidenschaftlich für diese Arbeit begeistern, die in einer Aufführung gipfeln wird, von deren Großartigkeit ich überzeugt bin, und die das enorme Potenzial der Kinder zeigen wird.
Und das ist meiner Ansicht nach wirklich wichtig, wenn man mit Kindern und Jugendlichen arbeitet. Sobald man den Raum betritt, wissen sie, ob sie einem vertrauen können oder nicht. Wenn sie einem vertrauen, ist es erstaunlich, wie diszipliniert und konzentriert man selbst sein kann und wie stark einem die jungen Menschen darin folgen. Fühlen sie aber nur einen Augenblick, dass man nicht an ihr Potenzial glaubt und so Teil derjenigen Welt wird, der sie so häufig ausgesetzt sind und die sie nicht anerkennt, sie nicht respektiert, kein Vertrauen in ihre Potenziale setzt, fallen sie sofort zurück auf ihre gewohnte Meinung
von sich, die viele Kinder, aber auch viele unter uns von sich haben, nach der man ein Versager ist, jemand, dem nichts gelingt. Selbstverständlich hat jemand mit einer solchen Meinung von sich eine Lernblockade, die jede Bildung und Entwicklung unmöglich macht.
Ich habe ein Projekt mit 120 Grundschulkindern in Marl in Nordrhein-Westfalen
abgeschlossen. Es war wohl dort das erste Projekt dieser Art, an dem die Kinder mitgewirkt hatten. Wir führen fünf Tänze aus dem Karneval der Tiere von Saint-Saëns und fünf Tänze aus der Suite Die Planeten von Gustav Holst auf. Die Arbeit mit diesen Schulen ist sehr interessant, weil ihnen einerseits gemeinsam ist, dass ihre Schüler sehr vielfältig sind, Kinder mit sehr verschiedenem Hintergrund kommen hier zusammen. Andererseits ist bemerkenswert, dass schon beim Betreten jeder Schule deutlich wird, dass jede sich von den anderen stark unterscheidet. Und man kann an dem Gefühl, das einem der Spielplatz, der Schulhof und das Schulgebäude vermitteln bzw. an den ersten Gesprächen mit den
Lehrern schon fast erkennen, wie die Kinder sein werden.
Beispielsweise arbeitete ich mit einer ganz außergewöhnlichen Grundschulklasse, die so konzentriert, so selbstbewusst – wie sagt man? – so selbstverständlich respektvoll ist, dass es sehr einfach ist, mit ihnen zu arbeiten. Man kann mit ihnen sprechen, mit der gesamten Gruppe oder im Dialog – und sie glauben an ihre Fähigkeiten. Wenn ich dann die Lehrer und Betreuer treffe, fällt mir auf, wie sehr sie an den Wert von Kultur und Kunst im Lehrplan glauben, und man erkennt deutlich ihre liebevolle Haltung den Kindern gegenüber und den starken Glauben an die Kleinen. Allerdings gibt es auch Schulen, auf die genau das Gegenteil zutrifft. Die Kinder glauben nicht, dass in ihnen Potenziale schlummern und
genau das spiegelt sich in der Haltung der Erwachsenen in ihrem Umfeld wider, die auch nicht glauben, dass es diese Potenziale gibt.
Ich bin davon überzeugt, dass Kinder bereits in ihrer Entwicklung beschränkt werden, wenn sie von Erwachsenen umgeben sind, die derart denken. Immer wieder geschieht es daher, dass bei solchen Projekten Lehrer, Betreuer oder Eltern zu mir kommen und sagen:
“Ich habe nicht geglaubt, dass mein Kind das kann. Ich hätte nie geglaubt, dass dieser Schüler das kann.“ Ich erwidere dann: “Und jetzt haben Sie ein Problem. Sie wissen nun, wo die eigentliche Ursache liegt.“ Man muss einfach, sobald man den Klassenraum betritt, einen unerschütterlichen Glauben an das besondere Potenzial jedes einzelnen Menschen haben. Ist dieser Glaube nicht vorhanden, wird es nicht funktionieren, Sie werden die Barriere nicht durchbrechen können. Wenn Sie also Zweifel haben, ob jemand, mit dem Sie arbeiten, wirklich außergewöhnlich ist, wird diese Person es merken. Und Sie werden diesen Menschen in seinen Möglichkeiten beschränken, auf Grund Ihrer eigenen Beschränkung und Ihres eingeschränkten Glaubens an das Potenzial des anderen.
Wenn es einem Kind also nicht gelingt, sein Potenzial voll auszuschöpfen, ist es mein Fehler und nicht der Fehler des Kindes. Ich allein kann unmöglich bei jedem Kind das volle Potenzial zum Vorschein bringen, aber jemand anderem könnte dies gelingen. Wenigstens zeigt mir ein solches Ergebnis, dass die Verantwortung, alles aus dem Kind herauszuholen, bei mir und nicht dem Kind lag. Das muss nicht heißen, dass ich ein schlechter Lehrer bin, obwohl auch das möglich ist. Es bedeutet zunächst einmal, dass ich einfach nicht den richtigen Zugang zu diesem speziellen Kind gefunden habe.
Wie Sie verstehen werden, kann ich nur für den Tanz sprechen. Ich meine, viele meiner Gedanken treffen auf Kultur insgesamt zu, aber der Tanz ist mein Gebiet, auf dem ich seit dreißig Jahren rund um die Welt arbeite. Der Film „Rhythm Is It!“ war ungewöhnlich für mich, weil er mich stark in den Mittelpunkt stellte und mich und diese Art der Arbeit sehr exponierte.
Und ich finde es merkwürdig, dass ich als Tänzer und Choreograf nun lernen muss, über etwas zu sprechen, das sich dadurch auszeichnet, dass man während der Ausübung nicht spricht.
Im Bildungswesen ist Tanz ein ständiges Problem, weil viele Schulen Tanz in eine von zwei Kategorien einteilen wollen: Die eine sieht Tanz als wertvolle Unterstuützung wichtigerer Fächer des Lehrplans. Damit habe ich ein echtes Problem. Es ist nicht die Aufgabe des Tanzes, andere Fächer zu unterstützen – Tanz ist eine Sprache, eine Art zu kommunizieren, eine Art, mit sich selbst, mit anderen und seiner Umgebung in Berührung zu kommen. Und er hat eine eigenständige Existenzberechtigung. Ich erinnere mich an eine Geschichte, als
ich vor einigen Jahren in London eine Schule betrat, um genau dies zu beweisen. Nachdem ich vier oder fünf Tage an dieser bestimmten Schule gearbeitet hatte, fehlte eines Tages einer der wichtigen Jungen in der Probe. Ich brauchte ihn wirklich. Daher fragte ich den Lehrer, wo dieser Junge sei, und er antwortete mir: “Ach ja, der Direktor hat ihm verboten, heute an der Probe teilzunehmen.“ Ihm war offensichtlich nicht klar, wem er diese Auskunft gab. Selbstverständlich ging ich direkt zum Büro des Direktors und sagte: “Was läuft hier?” Er erwiderte: “Es tut mir leid. Ich musste ihm das Tanzen verbieten, weil er im Matheunterricht stört.” Daraufhin sagte ich: “In Ordnung, aber ich hoffe, Sie verstehen, dass ich Schülern, die meinen Unterricht stören, verbieten werde, am Matheunterricht
teilzunehmen.“
Der Junge nahm sehr schnell wieder an den Proben teil.
Die zweite Kategorie, in die Tanz meist eingeteilt werden soll, ist etwas, das sowohl ein Vor- als auch ein Nachteil für Tanz im Bildungswesen ist: Es ist Sport und Fitness. Ohne Zweifel hat Tanzen physische Vorteile, es gibt diese physiologischen Vorteile, suchen Sie sie nicht bei mir, glauben Sie mir einfach. Es ist ja ganz klar, durch Bewegung, mehr Ausdruck und Koordination, ein insgesamt verbessertes körperliches Auftreten, was für junge Leute besonders wichtig ist, trägt Tanz in vielerlei Hinsicht zur physischen Fitness bei. Aus diesem Grund wird Tanz, wenn es ihn überhaupt an Schulen gibt, dem Sport zugerechnet.
In Großbritannien ist dies auf jeden Fall so. Und das Problem ist, dass durch diese
Zuordnung das ganzheitliche Moment von Tanz als einer physischen, emotionalen, spirituellen, kognitiven und sozialen Aktivität verloren geht. Zwar ist es so, dass durch die Anbindung an den Schulsport viele Schulen Tanzunterricht anbieten, den sie sonst nicht anbieten würden. Allerdings kann sich die volle Wirkung des Tanzes nicht entfalten. Lehrer, die eine Ausbildung zum Sportlehrer absolvieren, erhalten pro Jahr, zumindest für Großbritannien kann ich das mit Sicherheit sagen, lediglich 20 bis 30 Stunden Tanzausbildung. Viele fühlen sich daher für diese Aufgabe schlecht qualifiziert oder bieten das Fach schlicht nicht an. Es gibt jeweils nur wenige wunderbare Menschen, die sich dennoch trauen oder Tanz so lieben, dass es ihnen gelingt, ihn in ihren Sportunterricht zu integrieren.
Natürlich gibt es weitere Probleme. Etwa kulturelle Schwierigkeiten. Sie und ich wissen, dass Tanz in vielen Glaubensrichtungen fester Bestandteil religiöser Bräuche ist, aber wir wissen auch, dass Tanz in vielen Religionen ein echtes Problem darstellt. Wir wissen, dass die Neigung besteht, Tanz als eine Art Alternative für Mädchen zu sehen, die ansonsten kein Interesse an Sport haben. Das bekomme ich oft zu hören. Ich spreche zwei Stunden lang über das Tanzen – nicht heute – ich nenne alle Gründe, aus denen es für uns alle sinnvoll ist, und ganz am Ende steht jemand auf und sagt: “Das ist eine großartige Idee, und wir sollten wirklich tun, was er sagt, denn in der Schule gibt es eine Menge Mädchen,
die Sport nicht mögen, und Tanz ist eine gute Alternative.“ An einer anderen Schule hatte ich ausdrücklich darum gebeten, eine gemischte Klasse mit Jungen und Mädchen unterrichten zu dürfen. Als ich den Unterricht beginnen wollte, standen dort nur Mädchen.
Ich fragte natürlich wieder den Direktor, was passiert war, und er antwortete mir: “Ich war der Meinung, der Unterricht sei für Jungen ungeeignet.“ Daraufhin sagte ich: “Seit 30 Jahren bin ich ohne Unterbrechung Tänzer. Was genau meinen Sie?” o.k.
Ich möchte nun ein wenig darüber sprechen, was Tanz für mich bedeutet. Als Künstler im Bereich Tanz und mit einem Hintergrund als Tänzer spreche ich für eine bestimmte Art von Tanzethos oder künstlerischer Aktivität, und ich kann nicht sagen, dass alle Aktivitäten, die unter die Überschrift Tanz fallen, den gleichen Wert für den Aufbau einer gesunden, informierten Gesellschaft haben. Mein Gebiet ist eine Art von Tanz, die meiner leidenschaftlichen Überzeugung nach die positivsten individuellen Veränderungen bewirken kann und so bestmöglich Harmonie fördert, ganze Gesellschaftsgruppen beeinflusst und letztlich die Macht hat, eine zentrale Rolle in der Fortentwicklung von
Gesellschaften zu spielen. Ich spreche von einer Art des Tanzens, die das ganze Selbst anspricht, die die physische, emotionale, spirituelle – im weitesten Sinne – , kognitive und soziale Entwicklung fördert. Ich habe ein paar Bemerkungen zu jedem dieser Bereiche notiert – wir werden sehen, ob ich mich erinnere.
Es ist der Tanz, der die besten Seiten kreativen Spiels mit ernsthaften Zielen verbindet. Der beste Weg zu einer informierten Gesellschaft ist das Fördern einer gesunden Gesellschaft, für mich – und sicher auch viele andere – bedeutet dies eine Gesellschaft, die Fairness und das Akzeptieren von Unterschieden anstrebt, eine Gesellschaft, die alle ihre Mitglieder gleichermaßen schätzt und die sie mit all den Mitteln ausstattet, mit denen diese sich Gehör verschaffen können, die ihnen eine Stimme gibt und Kreativität und Neugier fördert.
Die Kunst kann als wirkungsvolles Instrument für den Aufbau einer gesunden, informierten Gesellschaft dienen. Der Tanz spielt dabei eine wichtige Rolle.
So sehr ich an die Bedeutung von Kultur und Kreativität zur Unterstützung des Bestehens einer gesunden, demokratischen, informierten Gesellschaft glaube, hat mir die Erfahrung doch andererseits gezeigt, wie viele Menschen, wie viele Eltern, Politiker, Personen mit Einfluss diese Bedeutung nicht verstehen, sondern vielmehr Angst haben vor Wörtern wie „Kunst“, „Tanz“, „Kultur“ und den zu Grunde liegenden Konzepten. Von den Menschen, die ich in die Diskussion und in meine Projekte einbinden möchte, höre ich ständig: “Ich weiß nichts über Kunst.” Sie sagen dann oft: “Ich bin nicht so kreativ wie Sie.” Und dahinter steckt die Annahme, dass Kunst allein Künstlern vorbehalten ist. Dies ist eine Ansicht, die
traditionell von Künstlern und Kulturinstituten unterstützt wird, die ihren Status wahren wollen, und die in letzter Zeit darin Ausdruck findet, dass man jedem mit Abneigung oder gar offener Feindseligkeit gegenübertritt, der sich dafür einsetzt, die Mittel für künstlerische Produktionen für die Öffentlichkeit und die Bevölkerung zu erhöhen. Die Annahme, dass Menschen nicht kreativ sind, widerspricht jedoch allem, was ich erlebe.
Ich sehe Kreativität als elementares Überlebenswerkzeug für den täglichen Gebrauch. Im einfachsten Fall ist jemand kreativ, der Optionen erkennt, sich mögliche Ergebnisse ausmalt und dann eine Entscheidung trifft. Das tun wir alle, jeden Tag – wir wägen ab und treffen Entscheidungen. Es ist eine künstlerische Handlung, wenn wir unsere Kleidung aussuchen, wenn wir unsere Körper schmücken; wir verändern unsere Umgebung ständig mit Design, Farbe und Form. Einer der größten Mythen, der mir mein ganzes Leben immer wieder begegnet ist, wird von Menschen geäußert, die behaupten: “Aber ich kann nicht tanzen.” Und der Vorteil, den ich nach 30 Jahren Praxis – insgesamt 40, wenn man die Arbeit mit professionellen Ensembles auf der ganzen Welt, in Bosnien, Äthiopien, Südafrika, Hongkong, Europa, Amerika hinzurechnet –, habe, ist: Nie habe ich jemanden getroffen, der nicht tanzen kann, und zwar gut und graziös, wenn es gelungen ist, die Blockaden zu beseitigen. Tanz ist etwas sehr Natürliches für uns; einige von uns sind blockiert, andere nicht.
Warum halten sich diese Mythen so hartnäckig? Viele von ihnen sind universell, viele kulturell bedingt. Wie erwähnt, können sie religiös motiviert sein, oft haben sie zu tun mit dem Geschlecht, mit Unterdrückung, gesellschaftlicher Ausgrenzung, mangelndem Selbstwertgefühl, Furcht vor Sexualität und Erotik und einer Unfähigkeit zu feiern, was wir sind, unsere Leben, unsere Gemeinschaft. Die verschiedenen Aspekte des Tanzes, die ich meine, die ihn zu einer elementaren, ganzheitlichen Kunstform machen, bestehen darin, dass er gleichzeitig eine physische, emotionale, spirituelle und kognitive soziale Aktivität
ist. Aber das ist noch nicht die ganze Geschichte. Tanz spielt in der emotionalen Entwicklung eine Rolle. Ich habe mit Psychologen darüber gesprochen, wie eine veränderte Wahrnehmung der Menschen von sich selbst ihre Körperhaltung und ihre Bewegungen beeinflusst. Dies zu erörtern ist interessant, denn die meisten Tänzer, Choreografen und Lehrer werden Ihnen sagen, dass man ebenso, wie man
über die Gedanken Gefühle beeinflussen kann, mit dem Ergebnis, dass sich Körperhaltung und -bewegungen verändern, in einem choreografischen Kontext sehr schnell die Art, wie die Akteure stehen und sich bewegen, beeinflussen und gleichzeitig eine starke Korrelation zu ihrer Selbstwahrnehmung, der Art, wie sie mit anderen kommunizieren, und ihrem Selbstvertrauen beobachten kann. Noch dazu ist es so einfach: Zu Beginn der Arbeit mit Menschen egal welchen Alters, es funktioniert auch mit Kleinkindern, sagt man ihnen nur: “Streckt euch, macht euch so lang ihr nur könnt” – und viele werden sich nicht sehr weit strecken. Das ist für mich eine klare Aussage. Es soll heißen: “Ich bin es nicht wert, mich so hoch zu strecken. Ich habe nicht das Recht, hier zu sein.“ Und ich muß Ihnen
sagen: „Hier bin ich. Ich strecke mich lang.“ Und während des choreografischen Ablaufs kann man zu dem Kind oder der Person gehen und sagen: “Nein, so!” – dann hilft man ihnen in die volle Dehnung zu gehen, den Brustkorb zu öffnen, den Kopf aufrecht zu halten, nach vorn zu sehen, stabil zu stehen und in die Höhe zu wachsen. Und wenn man das einmal getan hat, hofft man, dass es nie wieder nötig sein wird. Es ist eine solche Veränderung.
Ich sprach ja bereits von spiritueller Aktivität und halte sie für sehr wichtig. Darüber hinaus spüren in zunehmend säkularen und materialistischen Gesellschaften viele junge Leute schmerzlich den Verlust spiritueller Anhaltspunkte. Der Schaden, der der Gesellschaft durch das Fehlen eines solchen Gerüsts zugefügt wird, manifestiert sich auf oft hässliche,
Zwietracht säende und sozial schädliche Weise. Echten Tanz ohne die spirituelle
Dimension gibt es für mich nicht, die Suche nach dem Sinn des Lebens in der Welt und das Bedürfnis, seinen eigenen Platz darin und seine wahre Identität zu erforschen. Dies ist ohnehin ein ständiges Bedürfnis aller Künstler, dies und ein Medium, um auszudrücken, wer sie sind, sowie die Möglichkeit, ihr eigenes Verständnis des Charakters von Realität und Moral zu kommunizieren. Meiner Meinung nach ist es entscheidend, dass möglichst viele Individuen eine Stimme bekommen und einen Beitrag dazu leisten können, wie die Gesellschaft sich entwickelt und wie sie denkt.
Um zum Abschluss zu kommen: Etwas, das vielleicht infolge der PISA-Studien geschieht, könnte zum Teil ein Ergebnis des großen Erfolgs des Films sein. Selbstverständlich spielen viele andere Faktoren ebenfalls eine Rolle. Es ist die, wie mir scheint, neue Begeisterung dafür, mehr kulturellen Unterricht, mehr pädagogischen Unterricht und mehr Tanzunterricht einzuführen. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich mich natürlich freue, dass auf diese Weise mehr junge Leute an den Schulen Zugang zu Tanz bekommen.
Es besteht jedoch die Gefahr, dass dieser Unterricht theorielastig sein wird und wenig Praxis vorsieht. Worauf Kinder aller Altersstufen in der Bildung jedoch meiner Ansicht nach am besten reagieren, ist Leidenschaft und sind Menschen, die bereit sind, diese Leidenschaft und diese Erfahrung mit ihnen zu teilen.
Daher benutze ich im Allgemeinen auch nicht den Begriff “Bildung” – ich nenne es “Erwachsene, die ihre Leidenschaft und ihre Erfahrung mit Kindern teilen.” Dann spielt es auch keine Rolle, ob es um Geografie oder Mathematik geht – es ist Leidenschaft, über die die Kommunikation läuft. Wenn man “Kunst” kommunizieren will, muss man damit gearbeitet haben. Man muss dieses “Künstlerleben” einige Zeit durchlebt haben – man muss es wirklich kennen. Denn Sie müssen vor allem den Menschen, mit denen Sie arbeiten, immer einen Schritt voraus sein, so dass Sie immer neue Herausforderungen für
sie schaffen können, die ihren wachsenden Fähigkeiten gerecht werden, und gleichzeitig immer neue Fähigkeiten entwickeln können, damit es ihnen gelingt, die neuen Herausforderungen, nach denen sie verlangen werden, zu bewältigen. Es gibt daher, würde ich sagen, wenn es um Kunst und Schule geht, triftige Argumente dafür, Künstler an die Schulen zu holen. Aber nicht nur Künstler. Schulen sollten in beide Richtungen durchlässig sein. Kinder sollten die Schule zum Lernen verlassen können und andere Menschen sollten an die Schulen gehen können, seien es Tischler, Geschäftsleute, Tänzer, wer auch immer. Schulen sollten ein Treffpunkt sein, kein Ghetto, in das Sie Ihr Kind bringen und ihm sagen: “Auch wenn alles wirklich Interessante außerhalb der Schule stattfindet, wirst du die nächsten 15 Jahre hier sitzen, und wir werden dich in völliger
Isolation unterrichten.“ Das scheint mir der schlechteste Weg.